Wie es nicht im Buche steht
Exklusiv auf unserer Homepage: Autor Simon X. Rost ("Der fliegende Mönch") hat zwei Wochen lang ein öffentliches Tagebuch geschrieben.
By Simon X. Rost
Montag, 9. Januar 2012
(M)ein Tag im Leben eines Autors
Wie sieht eigentlich der normale Arbeitstag eines Autors aus? Keine Ahnung, wie andere Autoren das machen, aber bei mir ist der Arbeitstag als Autor ungefähr so schillernd und spektakulär wie der eines Verkehrsplaners in einem Schweizer Almdorf.
Durchwachte Nächte? Schreiben in Bars und Klubs? Ein Leben am Limit, bis die Muse mich küsst? Fehlanzeige. Ich stehe morgens um 6.20 Uhr auf, trinke Kaffee, ohne den ich nicht wach werde, die Kinder gehen in die Schule, meine Frau erledigt ihre Aufgaben und ich die meine: schreiben.
Ich sitze also spätestens um zwanzig nach sieben vor dem Computer und tippe. Das mache ich bis zum Mittag. Dann kommen die Kinder aus der Schule, wir essen zusammen, die Kinder machen ihre Hausaufgaben, ich die meine: schreiben.
Gefesselt fällt das Schreiben schwer
Gegen fünf, halb sechs mache ich den Rechner aus und sehe zu, dass ich das doch eher dunkle Kellerbüro verlasse, um noch etwas Tageslicht und Bewegung zu bekommen, vorzugsweise im Garten. Jetzt im Winter ist da wenig zu tun, aber glauben Sie mir, ich finde immer etwas: Gartenhäuschen aufräumen, Schnee schippen, Kaninchen füttern, Zäune und Wege ausbessern. Abends wird zusammen gegessen, viele Abende enden vor dem Fernseher oder mit einem guten Buch und einem Glas Wein. Wow! Ganz schön aufregend, was?
Aber ich habe das nicht so geplant, dieser Arbeitsablauf hat sich so ergeben. Ich bin nämlich kein Morgenmuffel, habe morgens meine beste Zeit, bekomme da am meisten geschrieben. Außerdem klingelt in der Literatur-, Film-, Hörspiel-, Werbe- und Theaterbranche, in der ich arbeite, selten vor zehn das Telefon, und das muss man nutzen. Noch dazu werde ich am späten Nachmittag auch gerne mal mit Saugnapfpfeilen von Weltraumpiraten beschossen, die behaupten, ich wäre ihr Vater, aber darüber hinaus ein „bleiches Alien“. Mit dem „bleich“ haben sie zugegebenermaßen recht – das eher dunkle Kellerbüro habe ich ja bereits erwähnt –, und wenn man von diesen wilden Typen mit der Wäscheleine an den Schreibtischstuhl gefesselt wird, fällt das Tippen leider schwer.
Ein anderer Grund, warum ich diesem durch und durch bürgerlichen Tagesablauf fröne, ist die Tatsache, dass man viel schreiben muss, um sich als Autor einen halbwegs bürgerlichen Lebensstil leisten zu können. Für Eskapaden, Wochen der Lethargie und das Warten auf die Muse bleibt da schlicht keine Zeit.
Der Klempner im Nachtklub
Tatsache ist auch, dass ich es einfach so mag und Schreiben am Ende des Tages sehr viel mit Handwerk zu tun hat. Fragen Sie doch bei Gelegenheit Ihren Klempner, wann er das letzte Mal mit Halbweltgrößen in Nachtklubs rumgehangen und mit leicht bekleideten Damen zu einpeitschenden Rhythmen getanzt hat, bis er Motivation und Ideen für das zu verlegende Abflussrohr am nächsten Tag gefunden hat. Ich bin sehr gespannt, was er Ihnen antworten wird.
Nein, das stimmt nicht. Ich glaube, ich kenne die Antwort schon.
Und noch eine Tatsache: Bis Ende Januar muss ich die ersten 120 Seiten meines neuen Romans an den Verlag geliefert haben, sonst wird meine Lektorin böse. Und damit meine ich böse. Deswegen werde ich auch heute machen, was meine Aufgabe ist: schreiben.
Es ist 7.40 Uhr und wunderbar still in meinem dunklen Büro.

Dienstag, 10. Januar 2012
Die Wand
Ich sitze vor einem Karteikärtchen, so groß wie eine halbe Postkarte, und ich schreibe darauf: „Ermittlung in Marion City, zu Pferd, mit Becky, Romantik trotz Zerstörung.“ Dann nehme ich eine Nadel und pinne das Kärtchen an die Wand. Was ich da mache?
Ich plane eine Reise. Eine Reise durch meinen dritten Roman.
Es soll Autoren geben, die fangen auf Seite eins ihres Romans an und wissen noch nicht, wie er ausgeht, schreiben einfach drauflos, lassen sich von ihrer Geschichte treiben und von ihren Figuren sagen, wohin die Reise geht. Beneidenswert? Für mich wäre das ein Gräuel. Unvorstellbar. Für die Art Romane, die ich schreibe, und noch mehr für die Drehbücher gilt: Ich muss wissen, was passieren wird. Ich will die Stationen meiner Reise ganz genau kennen, um einen Fahrplan, ein Gerüst für meine Geschichte zu haben und um nicht auf Seite 312 feststellen zu müssen: Ende, aus, hier geht’s nicht weiter, ich bin in einer Sackgasse gelandet.
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Kärtchen, Kärtchen, Kärtchen!
Deswegen hängen in meinem Büro vier plakatgroße Pinnwände, lieblos an die Wand genagelt, und auf ihnen ist meine Route durch die Geschichte mit allen Reiseteilnehmern, Zwischenstopps, Wegelagerern und Übernachtungen markiert. Warum es vier Pinnwände sind? Jede Geschichte braucht einen Anfang, eine Mitte und einen Schluss – Anfang und Schluss bekommen eine Pinnwand, die Mitte zwei. So einfach ist das.
Und auf diese Pinnwände kommen dann Karteikarten. Jedes Kärtchen steht für eine Szene, oft kenne ich zunächst nur die ersten zwei, drei Kapitel eines Romans, zwei in der Mitte und eins am Schluss. Aber diese Orientierungspunkte auf der Landkarte reichen aus, um die Reise ganz ungefähr zu planen. Ich recherchiere, grüble, denke über Figuren, Motive, Spielorte nach und schnell kommen weitere Kärtchen hinzu. Für die Entwicklung der Liebesgeschichte zum Beispiel. Zack, schon ist da ein Kärtchen! Oder ich weiß, wer das nächste Opfer meines Mörders ist – noch ’n Kärtchen! Oder ich habe einen lustigen Szeneneinfall für eine Nebenfigur. Kärtchen, Kärtchen, Kärtchen!
So füllen sich im Lauf der Zeit die Pinnwände mit immer mehr Karteikarten und damit mit Dingen, die ich über meine Geschichte weiß. Die Arbeit an der „Wand“ ist ein Prozess, was bedeutet, dass ich Kärtchen häufig hin und her schiebe, ergänze oder verwerfe. Am Ende sind, so Gott will, alle vier Pinnwände dicht mit Karteikärtchen bestückt und das eigentliche Schreiben beginnt – dazu die nächsten Tage mehr. Doch auch während des Schreibens wechseln manche Kärtchen ihren Platz, bekommen Geschwister oder werden ohne Chance auf Wiederkehr aus der Familie verstoßen.
Bei alledem habe ich meinen Plan. Immer.
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Klingt das unromantisch? Profan? Nach Schema F? Mag sein, dass sich viele die Arbeit eines Autors anders vorstellen, und wie schon oben erwähnt: Es gibt Autoren, die es tatsächlich anders machen. Die meisten arbeiten jedoch mit so einer Wand oder einer anderen Spielart desselben Prinzips. Ganz einfach, weil auch für Geschichten gilt, was anderswo niemand bezweifelt: Qualität ist das Ergebnis von gezielter Planung. Und Schreiben hat am Ende des Tages viel mit Handwerk zu tun. Sagte ich das bereits?
Ich habe zwar schon gut 80 Seiten meines dritten Romans, doch bis Ende Januar müssen es 120 sein. Mir fehlen auf meiner Landkarte noch einige Kärtchen für den zweiten Akt. Ich sehe mir das letzte Kärtchen an, das ich geschrieben habe, und schnappe mir ein weiteres. „Erster Kuss – sie gibt ihm eine schallende Ohrfeige: ‚Wofür hältst du mich?‘ “, steht da jetzt. Es ist zwanzig nach acht und der Schreibwarenladen meines Vertrauens öffnet um neun.
Ich muss bald neue Kärtchen kaufen.
Mittwoch, 11. Januar 2012
Heute mal was Anständiges...
In der Post liegen die Belegexemplare von meinem Roman „Der fliegende Mönch“, der es in den Jubiläumsband der Reader’s Digest Auswahlbibliothek geschafft hat. Ich gönne mir eine Pause und blättere durch das Buch. Ich sehe mir an, wo gekürzt wurde, zweifle an manchen Stellen an der Umsetzung, bin an anderen begeistert, freue mich über die gelungene Optik des Buchs und am Ende bin ich rundum zufrieden. Ein wenig stolz stelle ich den Band ins Regal und freue mich mal wieder über meinen Beruf. Schreiben macht Spaß. Zumindest heute. Aber wie kommt man eigentlich dazu? Warum schreibt jemand, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen? Wacht man eines Tages als Kind auf und sagt sich: wenn ich groß bin, werde ich Autor? So ähnlich war’s bei mir zumindest.
Eine Woche Ferien in Mittelerde
Ich habe schon immer viel gelesen. Nicht dass ich ein Stubenhocker war, ganz im Gegenteil, aber es konnte schon mal passieren, dass ich eine Woche Ferien größtenteils in Mittelerde, im Wilden Westen oder dem Weltall verbracht habe. In meinem Kopf versteht sich. Auch meine ersten Kurzgeschichten sind zu dieser Zeit entstanden. Ich bin sehr beruhigt, dass sie irgendwo, eingeklemmt zwischen Schulheften, in einem Karton tief im dunklen Keller meines Elternhauses stecken und dass ich sie bis heute nicht wiedergefunden habe. Etwas später kam das Malen und Zeichnen dazu. Spätestens, nachdem ich einen geschenkten Elektrobaukasten schnöde links liegen ließ, muss meinen Eltern klar geworden sein, dass ich zum Ingenieur nicht tauge. Meine Noten in den Naturwissenschaften untermauerten diese leise Ahnung und begruben wohl jede Hoffnung, der Junge würde eines Tages „etwas Anständiges“ lernen. Schreiben und malen? Das sah in meinem kleinen Heimatstädtchen Herrenberg bestenfalls nach einem Beruf in der Werbung aus. Die Filmbranche oder das Leben als Autor hatte im beschaulichen Heckengäu eher einen exotisch-zwielichtigen Beigeschmack – selbst für mich. Also habe ich ein Praktikum in einem Grafik-Betrieb absolviert und kurz darauf mit einem Kumpel zusammen eine kleine Firma für Werbung gegründet, die wenig mehr als Kleinaufträge für Metzgereien und Nippesläden und dazu ein schmales Taschengeld eingebracht hat. Mehr aus einer Laune heraus habe ich mich dann in Ludwigsburg an der Filmakademie um einen Studienplatz beworben. Überraschenderweise wurde ich angenommen, und mit Begeisterung habe ich vier Jahre lang zusammen mit anderen Verrückten Kurzfilme geschrieben, geplant, gedreht und geschnitten. Eine großartige Zeit, intensiv, lustig, kreativ. Ursprünglich wollte ich an der Filmakademie etwas über Computergrafik lernen, sah mich schon am Rechner dreidimensionale Monster und Raumschiffe für Filme entwerfen. Doch im Rahmen des Studiums musste jeder Student auch ein Drehbuch schreiben und einen Übungsfilm drehen und das war dann doch etwas anders. Sehr spannend. Aufregend. Elektrisierend! Und das wollte ich dann immer machen.
Oder so oft wie möglich oder so oft man mich ließ.
Inzwischen lässt man mich täglich.
Der Klassiker blieb aus
Ich hab es nie bereut. Und ich bin immer noch sehr dankbar, dass meine Eltern nie den Klassiker gebracht haben: „Lern doch erstmal was Anständiges, Junge!“ Sie haben wohl die zerstreuten Einzelteile des Elektrobaukastens zu lebhaft vor Augen gehabt, um mich in etwas zu drängen, was nicht funktioniert hätte.
„Was Anständiges“? Wie viele Leute machen tagtäglich ihre Arbeit und halten nie etwas in den Händen, was sie als Ergebnis ihres Schaffens bezeichnen können, weil ihr eigener Beitrag schlicht mit Händen nicht greifbar ist? Wenn ich mir das neue Buch so im Regal ansehe, finde ich, dass Schreiben etwas Anständiges ist. Und deswegen schreibe ich jetzt weiter.
Solange man mich lässt.
Donnerstag, 12. Januar 2012
Wie entsteht ein Roman?
Manchmal springen mich Dinge an und lassen mich dann nicht mehr los.
Wie zum Beispiel als ich auf den Wikipedia-Artikel über die erste Ehefrau von Kaiser Friedrich Barbarossa gestoßen bin. Eine folgenschwere Entdeckung.
Adela von Vohburg hat sich nämlich von ihrem Gemahl scheiden lassen – ungewöhnlich genug für die damalige Zeit – und kurz darauf hat sie einen kleinen Ministerialen, eine Art Beamten, weit unter ihrem Stand geheiratet. Mit Barbarossa blieb die Ehe kinderlos, mit Ditho von Ravensburg hat Adela zahlreiche Kinder gezeugt.
Merkwürdig, denke ich mir und vergesse das Ganze. Und dann taucht es doch immer wieder auf und beschäftigt mich – so sehr, dass ich einen Roman darüber schreiben möchte. Und zwar einen historischen Krimi, weil ich während einer ersten oberflächlichen Recherche noch auf eine gute Idee für einen Mörder im Umfeld des Kaisers stoße.
Ich behaupte viel und weiß noch sehr wenig
Ich schlage meiner Lektorin die Idee auf zwei schmalen Seiten vor, auf denen ich waghalsig viel behaupte und noch sehr wenig über meine Geschichte weiß. Meine Lektorin findet das spannend, mein Agent fädelt das Geschäft ein und ich beginne mit der eigentlichen Recherche. Recherche ist Fluch und Segen gleichermaßen, häufig stößt man auf wahre Schätze, die einem weiterhelfen, manchmal hebeln einen die historischen Fakten jedoch regelrecht aus und man muss umdenken. Wenn ich glaube, mich ausreichend sicher im historischen Terrain bewegen zu können, beginne ich mit meiner „Wand“. Gleichzeitig beginne ich zu schreiben.

Die ersten Fassungen sind noch sehr spröde, aber wenn ich drei-, viermal über den Text gegangen bin, gebe ich das Manuskript zum ersten Mal beim Verlag ab. Ich bekomme diese Fassung wenige Wochen später zurück, mit etwa 20 Anmerkungen pro Seite. Sehr wenige dieser Anmerkungen sind dramaturgischer Natur – da bin ich wohl halbwegs sattelfest. Häufiger zielen diese Anmerkungen auf die Formulierung und den Stil des Geschriebenen ab und die allermeisten beziehen sich schlicht auf Rechtschreib- und Grammatikfehler. Schon spannend, wenn man sein Geld mit Schreiben verdient und feststellen muss, dass man die eigene Sprache nicht ganz so souverän beherrscht, wie man vielleicht dachte.
Ich überarbeite diese korrigierte Fassung, dann geht sie zurück an den Verlag. Wir diskutieren Details, strittige Punkte werden fast immer einvernehmlich gelöst. Die professionelle Betreuung durch sach- und sprachkundige Menschen, allesamt Experten für geschriebene Geschichten, ist ein wahrer Segen. Dann kommt der Korrektor ins Spiel, Gott der Rechtschreibung mit unerbittlichen Argusaugen, der jeden übrig gebliebenen Schreibfehler, jedes illegale Komma brutal eliminiert. Was bin ich froh, dass es diesen Menschen gibt! Und dann sehe ich mir noch einmal alles an.
Ein letztes Mal.
Als würde man ein Kind in die Welt entlassen
Nach etwa 20 Überarbeitungen hüben wie drüben ist es eines Tages tatsächlich so weit und ich gebe den Roman endgültig aus den Händen. Das ist schon ein kleiner Schmerz. Ein Abschied, als würde man ein Kind in die Welt entlassen, unsicher, ob es bereit dafür ist. Wenige Wochen später ist die Freude umso größer, wenn man endlich den Karton mit den jungfräulichen Exemplaren des eigenen Buchs in den Händen hält und den süßen Geruch frischer Druckerschwärze inhaliert. Ein Gefühl von Stolz. Ein Anflug von Euphorie. Pure Genugtuung.
Doch dann beginnt das bange Warten: Wie werden die da draußen es aufnehmen? Die erste gute Kritik, ob von „Apotheker-Rundschau“ oder literarisch berufener Seite, lässt einem eine Zentnerlast von den Schultern fallen. Jede schlechte Kritik versaut einem nachhaltig den Tag. Aber was soll’s?
The Show must go on.
Beim nächsten Roman.
Ich habe noch gute 30 Seiten zu schreiben, bis ich die 120 zusammen habe, die meine Lektorin bis Ende Januar lesen will, um einen ersten Eindruck zu bekommen. Und deswegen werde ich jetzt weiterschreiben. Ich denke an den Karton mit den druckfrischen Exemplaren. Und an den Geruch frischer Druckerschwärze.
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Freitag, 13. Januar 2012
Wie geht das eigentlich?
Beim Roman stockt es gerade, deswegen klären wir doch hier und jetzt mal eine Frage, die vielleicht aufkommt, wenn man sich mit meiner bisherigen Arbeit beschäftigt: Wie geht das eigentlich? Wie kann man gleichzeitig eine Kinderserie und düstere Thrillerhörspiele für Erwachsene schreiben? Wie eine Actionkomödie drehen und danach ein Theaterstück entwickeln? An einem historischen Roman arbeiten und dann einen Werbefilm für eine Firma drehen, die Flaschenabfüllanlagen baut?
Eskapismus? Fehlende Fokussierung? Schlichte Geldgier?
Nichts von all dem. Fakt ist: Ich kann nur dauerhaft gut und leidenschaftlich arbeiten, wenn ich Abwechslung habe, wenn ich neue Impulse aus anderen Bereichen bekomme, wenn ich mich in verschiedenen Genres und Medien austoben darf und die Gefahr, dass sich Routine einstellt, gar nicht erst aufkommt.
Routine wäre tödlich
Dazu kommt, dass ich als Autor von Geschichten genauso gestrickt bin wie als Konsument. Zeigen Sie mir denjenigen, der nur Filme, Bücher oder Hörspiele aus einem Genre konsumiert und alles andere ablehnt, und ich zeige Ihnen jemanden, der das Beste im Leben verpasst. Ich jedenfalls würde da vor Langeweile sterben.

Und als Konsument mag ich eben Romane von James Ellroy und Robert Harris genauso wie die von Max Goldt oder Arno Schmidt. Ich mag hartgesottene Cop-Serien wie „The Shield“, kann mich trotzdem bei „30 Rock“ kaputt lachen und bei „Tatsächlich Liebe“ hab ich tatsächlich ein Tränchen weggedrückt. Warum nicht ein Hörspiel von Robert Gernhardt hören und gleich danach einen blutrünstigen Thriller lesen? Und warum dann nicht genauso gut einen schreiben? Hat beides seine Berechtigung, macht beides Spaß, ist beides auf seine Art spannend und unterhaltsam.
Und was die konkrete Arbeit angeht, so hat sich gezeigt, dass, wenn ich an einer Stelle ins Stocken komme, bei der drei kleine Spielzeugfiguren gerade ein witziges Rätsel lösen müssen, es für mich sehr hilfreich ist, wenn ich kurz zu einem Thriller wechsele und dort jemanden kaltblütig über die Klinge springen lassen kann – schon kommen die fröhlichen, lustigen Einfälle wieder wie von alleine ... Nein, ernsthaft: Wenn es nach mir geht, darf es ruhig bei der Bandbreite bleiben, das macht mir Spaß und hat sich bewährt.
Die große Herausforderung bleibt dabei, schlagartig den Tonfall wechseln zu können, stets zu wissen, für welches Genre man schreibt, und genau zu wissen, wer die Kundschaft dieses Genres ist und was sie erwartet.
Der Kommissar als Bratwurst
Vielleicht klingt das wieder arg unromantisch, aber eine gute Geschichte ist eben auch wie jedes andere erfolgreiche Produkt: präzise für die Zielgruppe entwickelt. Oder was würden Sie sagen, wenn Sonntagabend im „Tatort“ der Krimi jäh zu einer Komödie wird, wo der plötzlich tapsige Kommissar als Bratwurst verkleidet auf einer Musicalbühne seiner Liebsten einen gesungenen Heiratsantrag macht? Sehen Sie, was ich meine? Na ja, ich gebe zu, solche „Tatort“-Folgen gab’s auch schon, aber waren sie wirklich gut? Fühlt man sich da nicht um den Krimi betrogen?
Mir geht’s jedenfalls so.
In der Werbung sagt man da gerne auch: Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler. Ich finde, er muss beiden schmecken, sonst macht’s dem Angler nämlich keinen Spaß und Spaß ist mit das wichtigste Elixier bei meiner Arbeit. Apropos Arbeit: Nach der wunderbaren Ablenkung durch diesen Tagebucheintrag widme ich mich jetzt wieder dem Roman. Da weiß ich jetzt nämlich, wie es weitergeht.Der Abwechslung sei Dank.
Samstag, 14. Januar 2012
Einer dieser Tage ...
Heute ist einer dieser Tage, an denen ich mich verfluche. Verfluche, so viele Jobs anzunehmen, so viele Projekte gleichzeitig am Laufen zu haben. Wenn ich gestern noch in höchsten Tönen die Abwechslung gepriesen habe, dann vergessen Sie das mal ganz schnell. Ich habe nämlich gerade angefangen, am Roman weiterzuschreiben, es läuft, ich habe schon zwei Seiten getippt – da klingelt das Telefon. Bei dem Hörspiel, das ich letzte Woche abgegeben habe, sind noch Änderungen zu machen – massive Änderungen, die massiv viel Zeit kosten. Ich verspreche, mich schnellstens darum zu kümmern, und schnellstens heißt, dass ich die Arbeit am Roman zähneknirschend unterbreche und mir das Hörspielscript noch mal vorknöpfe. Schließlich wollen die das nächste Woche produzieren und Regie und Schauspieler müssen sich ausreichend vorbereiten können – und zwar mit dem endgültigen Text!
Ich sehe genauso teigig aus wie die Kollegen
Als ich gerade halb mit den Änderungen durch bin, erinnert mich mein Kalender an die Skype-Konferenz zu einer neuen Drehbuchfassung, die in einer halben Stunde beginnt. Eine der Segnungen des Internets ist, dass man sich in Echtzeit und mit Realbild mit Leuten unterhalten kann, die um den ganzen Globus verstreut sind. Einer der Nachteile ist, dass ich auf den Bildern der Webcam vermutlich genauso verzerrt und teigig aussehe wie die Kollegen. Jedenfalls lege ich die Änderungen am Hörspiel zur Seite und schnappe mir noch einmal die Anmerkungen des Produzenten, des Redakteurs und des Regisseurs, um auf die Besprechung vorbereitet zu sein.
Eine Stunde und zahlreiche zähe Diskussionen später habe ich drei vollgekritzelte Seiten mit Änderungswünschen vor mir liegen und überlege ernsthaft, wann ich die in der lächerlich kurzen Zeit, die mir dafür zugestanden wird, erledigen soll. So viel ist klar: die nächsten Tage wird’s nicht langweilig. Ich will mich gerade wieder an die Überarbeitung des Hörspiels machen, da flattert eine E-Mail meiner Lektorin herein, die mir den Entwurf für den Umschlag meines neuen Romans präsentiert. Oh ja, der Roman ist noch nicht einmal zu einem Viertel fertig, aber die Maschinerie, um aus dem Manuskript ein fertiges Buch zu machen, läuft bereits auf Hochtouren. Ich bin begeistert vom Entwurf. Doch. Echt. Oder vielleicht nicht ganz?Mir blutet das Herz, als ich auflege
Ich schreibe zwei, drei Anmerkungen zur Gestaltung, füge noch ein Bildbeispiel aus dem Internet hinzu, schicke die Mail ab, schlechten Gewissens, weil die Arbeit am Roman durch die Änderungswünsche, die heute auf mich einprasseln, erst mal ruhen muss. Pflichtschuldigst widme ich mich dann wieder dem Hörspiel, als das Telefon klingelt und man mir einen Job anbietet. Werbung. Ein Konzept schreiben, auf der Basis einer echt witzigen Idee, die von der Agentur kommt. Gut bezahlt. Ich zögere, ringe mit mir und sage dann schweren Herzens ab, weil ich zu viel zu tun habe und nicht schludern will, um auf Teufel komm raus den nächsten Job sicher zu wissen. Mir blutet das Herz, als ich auflege, kein Freiberufler sagt gerne etwas ab. So etwas schon gar nicht.
Ärgerlich stürze ich mich auf das Hörspiel und komme plötzlich überraschend schnell voran. Es läuft, fast traumwandlerisch sicher erfülle ich alle Wünsche und beseitige alle missliebigen Sorgenkinder im Text. Und dann bin ich fertig! Fertig! Ein Wunder ist geschehen!
Voller Eifer nehme ich mir dann die Änderungen am Drehbuch vor und siehe da, auch hier klappt es erstaunlich gut. Wenn ich so weitermache, kann ich die neue Fassung sogar noch vor dem bis vor Kurzem so utopisch erscheinenden Abgabetermin abliefern. Was für eine erstaunliche Wendung! Ich ertappe mich dabei, wie ich auf das Telefon schiele. Soll ich wegen der Werbung zurückrufen? Sagen, bei mir habe sich ganz plötzlich ein Zeitfenster aufgetan? Soll ich? Soll ich nicht?
Abwarten, denk ich mir. Erst mal mache ich mit dem Drehbuch weiter. Wunder geschehen schließlich nicht alle Tage. Und wenn doch: Morgen ist der Job vielleicht auch noch nicht vergeben...
Montag, 16. Januar 2012
Das liebe Geld
Beliebte Frage: Wie viel Geld verdient ein Autor eigentlich?
Ganz klare Antwort: Viel mehr, aber er bekommt es leider nicht. Und wenn ich es unbedingt differenzierter ausdrücken soll, sage ich: Kommt ganz darauf an.
Es kommt darauf an, ob es ein gutes Jahr für die Wirtschaft insgesamt ist oder nicht – denn die Tantiemen für Hörspiele und Romane sind an die Absatzzahlen gekoppelt. Haben die Leute weniger Geld in der Tasche, kaufen sie weniger CDs, Bücher und DVDs.
Brummt die Wirtschaft nicht, bleibt auch das Telefon still, weil die Unternehmen keine Werbefilme in Auftrag geben. Dann kommt es darauf an, ob ich einen Film als Regisseur drehe oder nicht. Filmregie ist nämlich gut bezahlt, und das zu Recht – 18-Stunden-Tage mit Vollstress sind in diesem Job eher die Regel als die Ausnahme.
Aber wie viel ist es denn nun?
Es kommt auch darauf an, ob eines meiner Drehbücher noch in diesem Jahr verfilmt wird oder erst im nächsten oder gar nicht – etwa ein Drittel der Drehbuchgage wird nämlich erst am ersten Drehtag ausbezahlt. Und das wiederum hängt zum Erstaunen vieler ebenfalls von der wirtschaftlichen Gesamtentwicklung ab. Schwache Konjunktur ist gleich kleinere Budgets der Unternehmen für Fernsehwerbung, ist gleich weniger Geld in den Senderkassen. Für das Prestigeobjekt Spielfilm, das im Vergleich zu einer Talkshow viel kostet und bedauerlicherweise nicht im gleichen Maße mehr Zuschauer bringt, bedeutet das: weniger Geld für weniger Filme. Auch für mich bedeutet es weniger Geld.
Aber wie viel ist es denn nun? Was verdient ein Autor und Regisseur? So im Schnitt?So im Schnitt verdient er in sehr guten Jahren wie jemand im mittleren Management oder ein gut dotierter Professor, in schlechten Jahren so viel wie eine Krankenschwester, die nebenher kellnert und Blockflötenunterricht gibt. Aber natürlich bin ich Freiberufler, das bedeutet: keine Prämien, keine betriebliche Altersvorsorge, kein Dienstwagen, kein Betriebskindergarten oder sonstige Annehmlichkeiten. Das Einzige, was Prämien nahekommt und das Autorenleben im Laufe der Jahre einfacher macht, sind besagte Tantiemen und Ausschüttungen für Romane, CDs und Filme, die langsam, aber stetig hereinplätschern und mit der Zeit so etwas wie einen verlässlichen Grundstock bilden.
„Autor? Kann man denn davon leben?“
Das ist eine der Lieblingsfragen bei Partys, wenn die Gäste hören, womit ich meine Brötchen verdiene. Ich antworte wahlweise genervt mit: „Nein, aber zum Sterben reicht es auch nicht“ oder, glatt gelogen, mit: „Ja, aber die erste Million war verdammt hart verdient“. In der Regel ist das Gespräch dann beendet. So richtig beklagen kann ich mich trotz allem nicht, es wäre Jammern auf hohem Niveau.
Und noch auf einen weiteren Faktor kommt es an, wenn man nicht zufällig einen Bestseller landet und sich danach sorgenfrei in die eigene Mittelmeer-Villa zurückziehen kann: darauf, wie viel man arbeitet. Und man muss einiges schreiben und inszenieren, um sich und den Seinen ein halbwegs angenehmes Auskommen zu sichern. 30 Urlaubstage im Jahr? Vergessen Sie’s, eher die Hälfte, wenn’s hochkommt.
Möchte ich tauschen? Niemals.
Auch jetzt nicht. Sie entschuldigen mich bitte bis morgen.
Die erste Million ist noch in weiter Ferne ...

Dienstag, 17. Januar 2012
Wenn der Postmann gar nicht klingelt
Wenn der Postmann gar nicht klingelt, ist das blöd. Dann muss man nämlich selbst nachschauen, ob etwas im Briefkasten liegt. Eine unerwartete Sonderausschüttung von Tantiemen für meine Romane vielleicht? Ein Auftrag, der überraschenderweise einmal per Post hereinflattert? Eine gut dotierte Auszeichnung, die ich verliehen bekomme, oder die Einladung, eine Vorlesung zu halten, die man mir versilbern wird?
Nichts dergleichen, im Briefkasten herrscht gähnende Leere. Auch das Telefon ist seit Tagen verdächtig still. Keine E-Mail kündigt den nächsten Job an. Niemand, so scheint es, will ein Drehbuch haben, keiner braucht ein neues Theaterstück oder ein Hörspiel oder sonst etwas aus meiner Feder. Zu dumm.
Gut, ich habe ja noch viel zu tun. Da sind noch reichlich 300 Seiten Roman zu schreiben, und außerdem steht die dritte Fassung eines dicken Drehbuches an. Aber dann? Was ist dann?
Was ist, wenn es weiter so still bleibt?
Die Frage, wo der nächste Job herkommt, nagt an den allermeisten Autoren und sind sie noch so gut im Geschäft. Denn dieser Zustand kann sich schnell ändern. Ständig plagt einen die Frage, ob man nicht mehr machen müsste, sich um neue Kundschaft bemühen, mehr Empfänge und Branchentreffen besuchen, mehr Marketing für die eigene Person betreiben, die Homepage auffrischen, sich in einschlägigen Internetforen herumtreiben. Mehr, mehr, mehr. Oder hat man etwa schon zu viel gemacht? Hab ich mich verzettelt? Bin ich in zu vielen Branchen und hätte mich besser nur auf eine konzentriert? Haben die Leser spontan entschieden, dass sie keine historischen Kriminalromane mehr mögen und meine ganz besonders nicht?
Mit derlei Zweifeln kann man sich tagelang beschäftigen und wunderbar selbst quälen. Tatsache ist, dass ich das früher häufig gemacht habe, dieser Masochismus jedoch im Laufe der Jahre kontinuierlich abnimmt. Die Erfahrung lehrt einen eine gewisse Gelassenheit, die eigene Position als Autor im Markt verbessert sich langsam und schleichend und sei es allein durch die Tatsache, dass man immer noch da ist, diesen Job immer noch macht, im Gegensatz zu denen, die die Flinte ins Korn geworfen haben.
Da es auf diese quälenden Fragen keine befriedigenden Antworten gibt, habe ich als bestes Gegenmittel immer die Arbeit selbst empfunden. Nicht lange überlegen, einfach weitermachen. Wenn kein bezahlter Job in Aussicht ist, dann schreibe ich eben etwas nur für mich, oder ich schreibe etwas auf Verdacht und schicke es jemandem zum Lesen, für den ich bis dato noch nicht gearbeitet habe, oder ich mache bei einem Kurzgeschichtenwettbewerb mit oder drehe mit Freunden einen Kurzfilm oder, oder, oder. Einfach machen. Damit man in Übung bleibt, nicht aus dem Tritt und nicht ins Grübeln kommt. Denn Grübeln ist meist kontraproduktiv und produktiv zu sein, das ist schon fast das ganze Geheimnis dieses Jobs.
Annehmbare Schriftsteller sind höchst selten
Mark Twain hat einmal in etwa gesagt: „Wenn ein Autor sich anbietet, unentgeltlich zu schreiben, so ist hundert gegen eins zu wetten, dass er einen Auftrag bekommen wird. Stellt sich dann heraus, dass seine Schreibereien wirklich etwas wert sind, so finden sich sicherlich eine Menge Leute, die ihm Geld dafür anbieten. Annehmbare und lesenswerte Schriftsteller sind höchst selten. Sowohl Buchhändler als auch Herausgeber von Zeitungen suchen unablässig nach ihnen, und zwar mit solchem Eifer, dass sie sich bei dem Geschäft keinen Augenblick Rast oder Ruhe gönnen.“
Dem kann man nur beipflichten. Momentan, so scheint es, gönnen sie sich zwar dennoch eine kleine Rast oder etwas Ruhe, aber dann werden sie wieder anrufen. Oder eine E-Mail schreiben. Oder einen Brief schicken. Ganz bestimmt.
Bis dahin schreib ich einfach weiter.
Mittwoch, 18. Januar 2012
Der nackte Raum
Stellen Sie sich einen schlichten quadratischen Raum mit Wänden aus Sichtbeton vor, darin zwei Schauspieler, ungekämmt, ungeschminkt, in grauen Trainingsanzügen. Statt Möbeln haben sie ein paar graue Kisten als Requisiten, statt vollständiger Sätze werfen die Akteure sich Stichworte zu. Ist das ein modernes Theaterstück, ein Lars-von-Trier-Film oder eine existenzialistische Performance?
Nein, das ist die erste Fassung meines Romans!
Und die liest sich in der Regel ganz furchtbar. Nicht nur, weil Grammatik und Rechtschreibung sehr zu wünschen übrig lassen (oh ja, fragen Sie meine Lektorin ...), sondern weil sie so rudimentär und spartanisch ist, dass es an Verstümmelung grenzt.
Sie ist der erste Schritt in einer Reihe von etwa 20 Überarbeitungen, und dieser erste Schritt ist für mich nun mal, dass ich mir in einem so spröden, schmucklosen Raum wie dem oben beschriebenen ansehe, was meine Figuren vorhaben und was sie sagen werden.
Oft reden meine Figuren Blödsinn
Nachdem ich im Vorfeld durch drei, vier Zeilen diktatorisch festgelegt habe, dass mein Romanheld in diesem Kapitel zum Beispiel ein unmoralisches Angebot von meiner weiblichen Hauptfigur erhält, lasse ich den beiden (und damit mir) jetzt die Freiheit, herauszufinden, ob das über eine Verführung stattfindet, ob Druck ausgeübt wird oder ob es ganz kalt ums Geschäft geht.
Und ich höre den Figuren dabei zu, was sie sagen wollen. Und ich schaue ihnen dabei zu, wie sie sich bewegen wollen. Sitzen sie? Gehen sie auf und ab? Gibt es ein Gerangel? Brauche ich zusätzliche Requisiten? Oft reden sie Blödsinn, dann muss ich das wieder streichen. Manchmal machen sie Dinge, die sie überhaupt nicht tun sollen, weil sie mich damit in Teufels Küche bringen. Aber die Mistkerle tun es trotzdem. Meistens haben sie recht damit, und dann muss ich mich als Autor meinen Figuren fügen.
In vielen Aspekten erinnert mich diese Arbeit im „nackten Raum“ des Romans an die Leseproben, die ich mit Schauspielern mache, wenn ich Filme inszeniere. Auch hier braucht es viel Vorstellungskraft, auch hier wird viel improvisiert, probiert, sich angenähert.
Bin ich mir mit meinen Romanfiguren einmal einig über das, was sie sagen, wie sie handeln und fühlen, mache ich mich in den folgenden Fassungen daran, ihren Raum einzurichten. Ich hänge Bilder an die Wand, arrangiere die Möbel, bin Kostümbildner und kümmere mich um das Make-up. Ich sorge für das passende Wetter, für Geräusche und Gerüche und last but not least ringe ich immer wieder mit den passenden Worten um all diese Dinge und versuche ihnen Form, Rhythmus und Melodie zu geben. Ganz allmählich wird so aus einer Szenenidee ein Kapitel und irgendwann ein lesbarer Text. Hoffentlich wird er das.
Diesen Film möchten Sie nicht sehen
Viele Autoren arbeiten ganz anders. Sie wollen von Anfang an den perfekten Satz haben, brauchen auch die Atmosphäre der ganzen „Zutaten“, die ich erst später hinzufüge, um ein Gespür für Figuren und Dialoge zu bekommen. Ich schätze, bei mir ist die andere Herangehensweise ein Ergebnis aus der Arbeit als Regisseur und Drehbuchautor: Beim Film wird der Kern der Szene manchmal erst über das Proben mit den Schauspielern entdeckt, und noch nie wurde ein Drehbuch in der ersten Fassung verfilmt – wenn doch, dann möchten Sie diesen Film nicht sehen...Das Kapitel, das ich heute schreiben muss, um die ersten 120 Seiten meines neuen Romans bis Ende Januar zu schaffen, beginnt mit den lapidaren Zeilen: „Tom redet mit Sally. Spricht sie auf die angebliche Schändung am Friedhof an. Sie streitet alles ab.“
Na gut. Dann mal rein in die grauen Trainingsanzüge und ab in den „nackten Raum“ – bin gespannt, was Tom und Sally dazu einfällt!
Laut vs. leise
Ich blicke aus dem Fenster und sehe graue Wolken vorüberziehen, das Grün der Büsche ist stumpf, kein Windhauch regt sich. Es ist später Nachmittag, und in meinem Büro ist es ruhig. Die Tastatur schweigt, das Telefon auch. Niemand spricht.
Es ist totenstill.
Manchmal ist diese Arbeit einsam. Sehr einsam. Keine Kollegen, nicht mal nervige, kommen auf einen Kaffee vorbei, um einen Schwatz zu halten. Kein Chef, der einen anschnauzt oder lobt. Nur ich. Kein Mitarbeiter, mit dem man das nächste Projekt bespricht. Nur ich, ich und mein Kopf, aus dem all diese Sätze kommen müssen, um die Seiten zu füllen. Selbst wenn ich mit einem Kollegen gemeinsam an einem Drehbuch schreibe, schreiben wir nicht zusammen. Wir sind nicht im selben Raum, sondern er schreibt dort, ich schreibe hier. Allein.
Das geht mir gelegentlich gehörig auf den Keks
Wenn ich lange keinen Film mehr gedreht habe und seit Wochen und Monaten in meinem Kellerbüro sitze, dann höre ich manchmal nur noch mich selbst reden. Alle Figuren in den Geschichten sprechen dann mit meiner Stimme, alle sehen aus wie ich, denken und fühlen wie ich. Und wenn diese Überdosis „Ich“ zu groß wird, wird die Sehnsucht nach Lärm, anderen Stimmen und Gesichtern, Kollegen und lebhaften Diskussionen übermächtig.Denn wenn ich einen Film drehe, sind da bis zu fünfzig Wahnsinnige, die um mich herumspringen. Alle wollen sie etwas von mir wissen oder ich von ihnen, ständig muss man sich besprechen, abstimmen, manchmal streiten. Immer ist es lebhaft, immer sind die Tage lang, aber langweilig wird es nie. Kaum Zeit für einen selbst, immer hektisch, immer intensiv, aber immer ein Erlebnis im besten Sinne. Und dann gibt es noch den ganzen Rummel wie eine quietschbunte Girlande drumherum: Schauspieler im Promi-Restaurant treffen und ein Promi-Schnitzel essen, bevor es in die Promi-Bar geht, um mit Schampus auf den Vertragsabschluss anzustoßen. Auf zur Filmpremiere, Bussi-Bussi, Pressetermin am Set, Lesungen, Preisverleihungen, Theaterpremieren, dann will sogar jemand ein Interview haben! Ein bisschen Glitzer, ein bisschen Glamour, viel Blabla, und immer geht es um den Job und wer mit wem was dreht und wie die Quote war und überhaupt, und alle reden sie laut und lang und ständig durcheinander.
Was für ein Gequatsche
Wenn ich ein halbes Jahr nicht an meinem Schreibtisch im Büro gesessen habe, bekomme ich Sehnsucht nach Stille. Dann freue ich mich darauf, dass der Lärm endlich abebbt, kein Bussi-Bussi, keine Diskussionen, keine Kollegen. Nur diese herrliche Stille und ich mit jeder Menge Zeit für eigene Gedanken und Geschichten. Die einzigen Figuren, die zu mir sprechen, sind die in meinem Kopf, und sie tun es mit sehr leiser Stimme. Klingt schizophren? Klingt, als wüsste ich nicht, was ich will?
Falsch. Ich weiß es sehr genau: Ich brauche diese Abwechslung, ohne sie geht es nicht. Nur so kann ich Kraft und Ideen für die eine wie für die andere Welt schöpfen. Nur so wird’s nicht langweilig und nicht zur Routine. Und Routine – sagte ich das schon? –, Routine wäre beim Geschichtenerzählen tödlich.
So merkwürdig das vielleicht klingt, aber wenn der Rummel wieder vorbei ist, freue ich mich auf das Klackern der Tastatur, jenes einzige Geräusch, das die perfekte Stille in diesem perfekten Raum unterbricht. Klickedi-klickedi-klick!
Bis es wieder soweit ist.
Und ich wieder raus muss.
Freitag, 20. Januar 2012
Ablenkung erwünscht
Ich schreibe. Doch, wirklich, zwei Zeilen habe ich schon. Aber dann sehe ich aus dem Fenster und stelle fest, dass es nieselt und einer meiner Söhne sein Fahrrad im Garten hat stehen lassen. Das geht nicht. Ich stehe auf und räume das Fahrrad in den Schuppen.
Dann schreibe ich wieder. Drei Zeilen. Und mir fällt ein, dass ich dringend die Heizung im Büro lüften muss, weil sie unablässig vor sich hin gluckert. Dann schreibe ich wieder. Nach einer Zeile merke ich, dass ich einen Kaffee brauche. Dann putze ich schnell noch mein Waschbecken hier im Büro, gieße Blumen, ordne die Bücher im Regal alphabetisch nach Autoren und erledige ein weiteres halbes Dutzend Dinge, die absolut keinen Aufschub vertragen. Nur schreiben, das tue ich nicht.
Heute geht es einfach nichtMachen wir uns nichts vor: Das erfüllt den Tatbestand einer handfesten Blockade.
Irgendwie wollen die Zeilen nicht aufs Papier. Zumindest nicht die, die ich für den Roman brauche. Und auch meine sonst so wirksame Taktik, einfach etwas anderes zur Hand zu nehmen, ein Hörspiel, ein Drehbuch, ein Theaterstück, und dann an diesem so lange zu schreiben, bis ich nicht mehr weiterweiß, um mich dann wieder dem Roman zu widmen, schlägt heute fehl.
Es sieht so aus, als wäre das Einzige, worüber ich heute schreiben kann, die Tatsache, dass ich heute nichts schreiben kann. Absurd, oder? Was macht man in diesem Fall?
Zunächst dehne ich die kleinen Ablenkungen aus und nehme mir etwas Größeres vor. Vorzugsweise etwas Unangenehmes, um die Freuden des Schreibens schnell wieder schätzen zu lernen. Den Speicher aufräumen zum Beispiel. Wenn das nicht hilft, schnappe ich mir die Steuererklärung. Das hilft fast immer. Wenn nicht, muss ich mich dringend bewegen, also entweder Sport – joggen bei acht Grad minus und Schneefall treibt einen schnell wieder an den Schreibtisch – oder was Handwerkliches – nach dem ersten Verband an der Hand kommt mir das Autorenleben süß und beneidenswert vor.
Wenn alles nichts hilft, werfe ich einen kurzen Blick auf Kontoauszüge. Dann geht es weiter, wenn auch nur mit großen Mühen. Für jemanden, der an guten Tagen zwischen fünf und acht Seiten zu Papier bringt, ist es eine unerträgliche Schmach, nur eine Seite zu schreiben.
Verzweiflung macht sich nicht breitWie in jedem anderen Beruf an einem schlechten Tag, so ist es auch bei mir: Ich bin frustriert, denke, ich hätte heute im Bett bleiben sollen, und hoffe, dass die eine, abgepresste Seite unter den vierhundert anderen, mit Freude geschriebenen nicht auffällt. Verzweiflung, dass dieser Zustand länger anhalten wird, macht sich aber nicht breit.
Nicht mehr. Dafür habe ich einfach zu viel Erfahrung. Diese Tage kommen und sie gehen auch wieder vorbei.
Was macht es da schon, wenn dieser eine Tag nicht so läuft, wie er laufen sollte?
Viel. Mich ärgert es jedes Mal. Auch heute. Ich habe bis morgen noch fünf Seiten zu schreiben, um die ersten 120 Seiten meines neuen Romans bei der Lektorin abgeben zu können, aber es klappt einfach nicht.
Fünf Seiten. Und ich habe gerade fünf Zeilen.
Naja, und diese eine hier, über meine Blockade.
Das ist doch schon mal was.
Morgen wird bestimmt alles besser.
Samstag, 21. Januar 2012
Es ist vollbracht
Vor zwei Wochen, als ich mit diesem Autorentagebuch begonnen habe, hatte ich gerade einmal 80 Seiten von meinem neuen Roman geschrieben. Unzählige Notizzettel, Karteikärtchen an meiner Pinnwand und Stunden des Schreibens später ist es so weit: 120 Seiten meines neuen Romans sind fertig. Die bekommt meine Lektorin heute, um zu sehen, wo die Reise hingeht, um Verlagsvertreter „heiß zu machen“, wie sie sagte, damit die wiederum Buchhändler „heiß machen“ können.
Das können sie jetzt, da bin ich mir ganz sicher.
Die Lektorin schlackert mit den Ohren
Ich habe gerade noch einmal Korrektur gelesen, etwa 60 Stellen ausgebessert, noch einmal gelesen, noch einmal zehn kleine Änderungen vorgenommen, aber jetzt geht der Text raus. Ich bin begeistert. Ja, fast ein bisschen euphorisch. Bin gespannt, was die Lektorin sagt und ziemlich sicher, dass sie mit den Ohren schlackern und meine Begeisterung teilen wird. Noch rasch ein freundliches Anschreiben formuliert, die Datei hochladen, auf „Senden“ klicken und ...
Moment.
War da nicht noch was? Im dritten Kapitel? Wollte ich nicht noch einen kurzen Absatz über die drückende Müdigkeit der Hauptfigur einfügen? Ich schaue nach. Tatsächlich. Der Absatz fehlt. Ich schreibe drei Sätze, die ich hinreißend finde, speichere, lade das Dokument erneut hoch, will auf „Senden“ klicken und ... klicke nicht auf „Senden“.
Überlege stattdessen. Grüble.
Was, wenn sie es nicht so toll findet wie ich? Was, wenn es nicht toll ist? Was, wenn ich mich total verzettelt habe? Mich von der eigenen Begeisterung habe mitreißen lassen? Wenn es dröge oder zu kompliziert oder schlicht unleserlich ist? Wenn die Hauptfigur einen nicht fesselt und blass bleibt? Wenn der Krimiplot zu dominant ist und die Figuren darunter leiden? Wenn, wenn, wenn...Selbstkritik ist hilfreich, sie spornt einen in der Regel an, besser zu werden. Wenn sie einen davon abhält, auf den „Senden“-Button zu klicken, ist das jedoch doof.
Autor zu sein bedeutet immer, dass man sich dem Urteil anderer aussetzt. Das ist zwar oft schmerzhaft, wenn die Resonanz nicht so positiv ausfällt, wie man sich das wünscht, es ist aber auch unvermeidbar – nur gar keine Resonanz ist schlimmer als schlechte Resonanz.
Und darum geht es beim Geschichtenerzählen schlussendlich: um Resonanz.
Werde ich ein Held sein? Morgen? Übermorgen?
Irgendwie sind alle, die professionell Geschichten erzählen, immer noch wie ein Nachhall des Schamanen, der am Lagerfeuer sitzt und den Stammesmitgliedern die Geschichte eines Helden erzählt. Geschichten halfen damals wie heute, die Welt, in der wir leben, und die Menschen und ihre Handlungen etwas besser zu verstehen. Wenn der Schamane gut war, haben seine Zuhörer gelacht. Oder geweint. Es war fast wie ein Zauber: Für ein paar kostbare Augenblicke konnten sie den Hunger, die Gefahr oder die Kälte um sie herum vergessen und waren in einer anderen Zeit, an einem anderen Ort. Dennoch nahmen sie etwas mit von dieser Reise, die nur in ihrer Fantasie stattgefunden hatte: Erkenntnis, Freude, Furcht und die Frage, ob auch sie wie der Held der Geschichte gehandelt hätten. Würden sie morgen auch Helden sein? Übermorgen? War der Schamane ein guter Erzähler, half ihnen seine Geschichte, die richtige Antwort auf eine eigene Frage zu finden, die richtige Haltung zu einem eigenen Problem.
Die richtige Haltung.
Das eigene Problem.
Ich hoffe, der Zauber des Lagerfeuers wirkt
Heldenhaft drücke ich auf „Senden“. Was soll’s, es ist gut, wie es ist. Ich warte einfach auf Resonanz und hoffe, der Zauber des Schamanen wirkt auch bei meiner Lektorin.
Und ich hoffe, Sie, liebe Leserin, lieber Leser, konnten ebenfalls ein wenig Erkenntnis gewinnen und hatten Freude an meinem Autorentagebuch. Mir hat es jedenfalls viel Spaß gemacht.
Jetzt mache ich erst mal eine kurze Pause. Vielleicht sehe ich mir einen Film an oder lese ein gutes Buch. Und dann schreibe ich wieder.
Weil das Feuer weiter brennen muss.
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