Sex, Teens und das Internet
Es versprach lustig zu werden, und auch etwas schlüpfrig. Es sollte Arto* und seine Freunde in der kleinen Stadt im Süden Finnlands zusammenschweißen. Es war etwas, worüber sie alle tuschelten und kicherten. Sex! Nackte Menschen! Brüste!
Als seine Freunde darüber klagten, dass sie daheim solche Internetseiten nicht aufrufen durften, meinte Arto, sie könnten doch alle zu ihm nach Hause kommen. Der Junge fragte seine Eltern nicht um Erlaubnis. Vielleicht wollte er nicht darüber nachdenken, wie sie reagieren würden. Außerdem – sie würden es ja sowieso nie herausfinden, oder?
Die Jungs drängelten sich im Heimbüro von Artos Familie um den Computer. Als der Film anfing, tauchten auf dem Monitor bald Bilder auf, die ihr Begriffsvermögen überstiegen, es wimmelte von Armen, Beinen und anderen Körperteilen, die auf dem Schirm riesig aussahen. Die Bilder lösten komische Gefühle in ihnen aus. War es das, was Erwachsene – ihre Eltern – hinter verschlossenen Türen taten? Als der Film zu Ende war, gingen die anderen Jungs mit gesenktem Kopf kleinlaut nach Hause.
„Das war’s also!“, dachte Arto. Nur – das war es ganz und gar nicht. Weil er nie damit gerechnet hatte, dass seine Mutter, eine Buchhalterin, im Cache des Internetbrowsers nachsehen würde, welche Seiten er besucht hatte. Plötzlich hatte er einen ganzen Monat lang Stubenarrest. Seine Eltern waren sehr sauer – und schockiert.
Damals war Arto zehn Jahre alt.
Wir alle haben sie erlebt, jene erste Phase der Erforschung von Sexualität und von Grenzen. Jenes Geheimnis, dessen Schleier sich nach und nach lüftete; ein köstliches Tabu und auch ein kleines bisschen gefährlich. Damals tauchte das Thema immer mal wieder auf, beim Fummeln im Auto oder bei Partys, zu denen wir unbegleitet gingen.
Unsere Eltern gaben uns auf Fragen eher wenig aussagekräftige Antworten. Wir wurden mit Sätzen wie „Anständige Mädchen tun so was nicht“, „Jungs wollen immer nur das Eine“ und „Du wirst einen schlechten Ruf bekommen“ abgespeist. Diese Zeiten sind allerdings vorbei. Das Internet und die Smartphones haben all dies geändert.
Wie ihre Altersgenossen in anderen Teilen der Welt nutzen auch europäische Kinder und Jugendliche mittlerweile das Internet als die erste Adresse für alles, was sie über Sex wissen wollen – einschließlich obszöner Fotos und Filme. Wir leben in einer Welt, in der Sex wie eine gewöhnliche Ware gehandelt wird, zugänglich rund um die Uhr, ohne nennenswerte Kontrolle, außer der Warnung: „Wenn Sie unter 18 Jahre sind, klicken Sie hier.“
Im Jahr 2010 fand eine Studie des europaweiten Projekts „EU Kids Online“ durch eine Befragung von 25142 Kindern und Teenagern aus 25 Ländern heraus, dass nahezu ein Viertel von ihnen Bild- oder Filmmaterial mit sexuellen und pornografischen Inhalten gesehen hatte, einige sogar häufiger als einmal im Monat.
Eine niederländische Umfrage unter 471 Jugendlichen im Alter zwischen 13 und 18 Jahren ergab 2006, dass sie, je öfter sie sich online Pornos anschauten, desto stärker der Meinung waren, dass Sex eine rein körperliche Aktivität sei. Ergebnisse zweier weiterer Studien in den Niederlanden aus dem Jahr 2009 belegen, dass bei Jungen, die als Informationsquelle zum Thema Sexualität ausschließlich das Internet nutzen, die Wahrscheinlichkeit besonders hoch ist, dass sie das gesehene Verhalten kopieren, statt eigene Wertestandards zu definieren.
Man darf sich keine Illusionen machen: Was man im Internet an Pornos anschauen kann, hat nichts mehr mit Papas Playboy-Magazinen zu tun, mit Nacktaufnahmen in künstlerischer Pose. Die Bilder im Netz sind knallhart. Der niederländische Internetexperte Bamber Delver stellt fest, dass die Wirkung der betrachteten Bilder dazu führen kann, dass Kinder und Jugendliche glauben, es sei der letzte Schrei, einen extrem langen Penis zu haben. Oder dass Silikonbrüste die Norm seien. Wenn Kinder schon im frühen Alter Pornos anschauen, kann das ihre Einstellung zur Sexualität stark beeinflussen.
In Großbritannien erschien im vergangenen Frühjahr eine wissenschaftliche Studie, für die 520 Kinder zwischen sieben und 16 Jahren sowie mehr als 2000 Eltern befragt wurden. Von diesen berichteten viele, ihre Söhne seien schockiert gewesen, als sie feststellten, dass Mädchen Schamhaare haben, weil ihre diesbezüglichen Erfahrungen sich bisher auf das Betrachten von Abbildungen rasierter weiblicher Intimbereiche im Internet beschränkt hatten.
Beispiele für solche Websites sind www.cam4.com, wo Videos in Echtzeit laufen, und www.youporn.com, das eine unüberschaubare Menge an Pornovideos mit „deutschen Nutten“, „blonden Latinas“ oder „kleinbrüstigen asiatischen Lesben“ zeigt. „Und das sind nur ein paar von den Internetseiten, von denen mir die Kinder erzählt haben“, ereifert sich Delver. „Die sexuelle Erziehung liegt nicht länger in den Händen der Eltern und der Schule. Wenn da nicht aufgepasst wird, kann die kindliche Einstellung in Bezug auf Sex und zwischenmenschliche Beziehungen verzerrt werden. Es findet eine Entmenschlichung statt.“
Terri Apter, Psychologin und Dozentin an der Universität Cambridge, deren Fachgebiete Familiendynamik und die Vereinbarkeit von Berufs- und Familienleben sind, ergänzt: „Was mir Sorgen bereitet, ist die Veränderung unserer Kultur. Junge Frauen und Mädchen glauben zunehmend, nur ‚etwas wert‘ zu sein, wenn sie schön und begehrenswert sind.“
Eine 2006 in den Niederlanden durchgeführte Befragung unter Minderjährigen zeigte, dass viele Mädchen unangemessene und sexualisierte Fotos von sich auf sozialen Netzwerken wie Facebook einstellen. 9 Prozent der weiblichen Teilnehmer an der Befragung gaben an, sexy Fotos hochgeladen zu haben und es nachträglich zu bedauern.
Manche Mädchen im Teenageralter klingen älter, als sie sind, erfahren und abgeklärt. Beispielsweise Renée, eine 18-jährige Rumänin, die leichthin zugibt, dass sie mit ihrem Smartphone „natürlich“ schon „Sexts“ (Bilder und Texte mit sexuellem Inhalt) sowohl empfangen als auch gesendet habe. Andere klingen besorgt und verunsichert – wie die 16-jährige Kata aus Ungarn, die glaubt, dass sie möglicherweise lesbisch sei, weil der heterosexuelle Geschlechtsverkehr, den sie sich im Internet angeschaut hat, ihr so brutal und gefühllos erscheint.
Und sogar noch jüngere Kinder sind Eindrücken ausgesetzt, die für sie nicht gut sind. Zum Beispiel der ebenfalls in Ungarn lebende sechsjährige Oskar, der sich bei seinen Eltern darüber beschwert hatte, dass sein neunjähriger Freund komische Sachen mit ihm machen wollte. Woraufhin sich herausstellte, dass der andere Junge nur das nachahmte, was er beim Betrachten nicht jugendfreier Filme zusammen mit einem älteren Bruder aufgeschnappt hatte.
Jacob, ein angehender junger Künstler aus Rotebro nahe der schwedischen Hauptstadt Stockholm, klickte vor zwei Jahren als 14-Jähriger erstmals auf eine Pornoseite im Internet. In der Schule redeten alle Schüler darüber. Die Website hieße www.89.com und sei lustig, meinten sie, und schockierend und abgedreht und absolut ekelerregend.
Als er damals aus der Schule kam, schloss er sich in seinem Zimmer ein, meldete sich auf seinem Computer an und tippte die URL in die Browserzeile. Schon füllte sich sein Bildschirm mit einer Unmenge von Auswahlmöglichkeiten: anal, oral, lesbisch, alt und dick, behaart, Farbige, Blondinen, Riesentitten und Bondage-Videos, die „echte Folter, echte Schmerzen, echte Tränen“ versprachen. Es gab sogar Animé-Pornos, mit großäugigen, japanisch inspirierten Comicfiguren, die als „geile Nutten, die alles tun, was deine Frau nicht will“ angepriesen wurden. Jacob wusste nicht, wo er hingucken sollte. „Was ich verspürte, war Macht“, sagt er. „Als ob es keine Grenzen für mich gäbe.“
Eltern dürfen sich nicht auf einen naiven Standpunkt zurückziehen, meint Bamber Delver. Sie dürfen nicht davon ausgehen, dass ihre Söhne und Töchter diese Internetseiten nicht kennen, denn die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sie sie sehr wohl kennen. Man sollte diese Situation als den neuen Normalzustand betrachten – als einen Initiationsritus, der sich mit der Geschwindigkeit eines Virus ausbreitet.
Wenn man bedenkt, in welch tiefgreifender Weise das Internet das Lernen von Kindern generell verändert hat, sollte seine zentrale Rolle in der sexuellen Aufklärung eigentlich nicht verwundern. Noch immer ist das Thema Sex geprägt von Peinlichkeit und wird von Erwachsenen lieber vermieden. Und es ist so einfach und praktisch, im Internet nachzuschauen, wenn man Antworten auf Fragen sucht, egal, ob aus unschuldigen oder lüsternen Motiven.
Jennifer, eine nachdenkliche 16-Jährige aus dem südniederländischen Eindhoven, hat das Internet noch nie als Quelle benutzt, um ihre sexuellen Gelüste zu befriedigen, sondern nur als eine Art Bibliothek oder Datenbank – einen Ort, den sie aufsucht, wann immer sie oder ihre Freundinnen Fragen über Sex haben. Zum Beispiel was ein Blowjob ist oder Cunnilingus oder ein Dildo.
Gleichzeitig verdreht sie jedoch die Augen, wenn sie Online-Kommentare von Mädchen liest, die befürchten, dass sich ihr Freund von ihnen trennen wird, wenn sie keinen Sex mit ihm haben. Sogar unter ihren Freundinnen macht sich diese Überzeugung breit.„Sie denken, dass sie es tun müssen, um einen Jungen an sich zu binden“, sagt sie. „Ich bin die Einzige mit einem festen Freund (mittlerweile seit zwei Jahren), aber ich bin noch nicht bereit dazu, mit ihm zu schlafen. Meine Freundinnen glauben mir nicht.“
Obwohl Kinder bereits als Zehnjährige oder sogar noch jünger sexuellen Darstellungen ausgesetzt sein können, steht Sexualerziehung in der Grundschule nur in wenigen Staaten der EU auf dem Lehrplan. Also liegt es in den Händen von Eltern und Pädagogen, mit den Kindern zu reden, sobald sie dafür bereit sind. Damit das Thema in ein geschütztes Umfeld eingebettet wird.
„Das Wichtigste ist, miteinander im Gespräch zu bleiben“, sagt Gisela Priebe, eine der Verfasserinnen einer schwedischen Forschungsarbeit zu diesem Thema. „Was immer die Kinder auch getan haben mögen – man sollte ihnen ausdrücklich klarmachen, dass sie wirklich alles erzählen können, auch wenn es Erwachsenen unangenehm sein könnte.“
Sanderijn van der Doef, eine niederländische Psychologin und Autorin einer beliebten Serie von Aufklärungsbüchern für Kinder, betont, dass Eltern und Lehrer sich mit den guten und schlechten Seiten des Internets vertraut machen sollten. Erst dann können sie anfangen, mit ihren Kindern über die gesamte Bandbreite dieses Themenkomplexes – von Gefühlen über Fakten zum Körper bis hin zur Fortpflanzung und zur Bedeutung des eigenen Selbstwertgefühls – zu diskutieren. „Es geht darum, ihnen beizubringen, zu kommunizieren und Hilfe einzufordern“, sagt sie. „Wenn man früh damit anfängt, werden sie lernen, dass es kein Tabu ist, mit Erwachsenen über Sexualität zu sprechen.“
Es gibt einige Internetportale, auf denen alles Wissenswerte über Sex und Sexualität in einfachen und klaren Worten erklärt wird. Zu diesen gehören www.loveline.de der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung oder das amerikanische Portal www.scarleteen.com. „Dies sind gesunde Informationsalternativen für Kinder und Jugendliche“, meint van der Doef. „Um Dinge herauszufinden, werden sie so oder so das Internet benutzen.“
Aus dem inzwischen 16-jährigen Arto ist ein nachdenklicher junger Mann geworden, der überzeugt ist, dass das Internet noch immer der einzige Ort ist, an dem er „verlässliche, vollkommen unabhängige Informationen“ über Sex bekommen kann. Als Teenager, der seine eigene Sexualität erforscht – erst kürzlich hatte er sein Comingout: Er ist bisexuell –, mag er den Umstand, dass das Internet ein weitgehend urteilsfreier Raum ist. Im Übrigen vermeidet er das „abgedrehte Zeug“ und nimmt nicht alles für bare Münze.
„Ich rede mit meinen Eltern derzeit nicht über Sex, obwohl sie – halb im Spaß – fragen, ob ich schon welchen gehabt habe“, sagt er. Doch über verwandte Themen hat er mit ihnen hitzige Diskussionen. Kürzlich saß die ganze Familie zusammen bei einem Gesellschaftsspiel, als Arto eine Bemerkung darüber machte, Geld einzusetzen, um andere zu sexuellen Handlungen zu bewegen. „Wir fingen an, uns anzuschreien, aber dann beruhigten wir uns wieder und diskutierten sachlich darüber“, erinnert er sich. „Ich finde, das haben wir als Familie gut gemacht.“
Und wie steht es um Jacob, den jungen Künstler aus Schweden? Seit jenem ersten Besuch auf einer Pornoseite hat er den Großteil dessen, was er über Sex weiß, aus dem Internet erfahren. Manchmal sind die Filme, die er dort gesehen hat, ziemlich extrem. „Einmal wurde eine Frau vergewaltigt, und um sie herum waren all diese Dinger mit Tentakeln“, sagt er. „Das war eklig.“
Aber glauben er und seine Freunde, dass diese Internetseiten die Realität widerspiegeln? Er hält inne, bevor er antwortet. „Ich weiß, dass es da einen Unterschied gibt“, sagt er schließlich. „Klar macht mich so was an. Ich weiß, dass manche Leute auf die Idee kommen könnten, dass all das echt ist. Ich besuche Seiten, wo Leute Kommentare hinterlassen, und manche davon sind richtig dumm!“
Langfristig gesehen ist es nicht wirklich das, wonach er sucht. Stattdessen wünscht er sich eine Beziehung mit echten Gefühlen, vielleicht sogar Liebe, obwohl er weiß, dass das für jemanden seines Alters ein großes Wort ist. „Wenn sie dunkle Haare und Körperpiercings hätte, das wäre toll“, fährt er fort. „Und“, sagt er schließlich mit entwaffnender Ehrlichkeit, „sie muss kleiner sein als ich. Ich bin nämlich ziemlich kurz geraten.“
* Die Namen der Kinder und Jugendlichen wurden geändert.
INTERNET: Gefahr im Netz (5)
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