Wir gehen alle davon aus, dass wir normal sind; aber selbst der Geradlinigste hat eine Menge Eigenheiten. Das ist auch in Ordnung so; schließlich sind wir alle nur Menschen. Um es mit der US-amerikanischen Schauspielerin und Oscar-Preisträgerin Whoopi Goldberg zu sagen: „‚Normal‘ ist nur eine Variante eines Waschmaschinenprogramms.“ Sie dürfen also sicher sein, dass Sie Ihre Marotte – die Sie für völlig verrückt halten – mit vielen anderen Menschen gemeinsam haben, egal, ob Sie süchtig sind nach Lippenbalsam (dafür gibt es sogar Selbsthilfegruppen!) oder an einer Peladophobie (Angst vor Kahlköpfigen) leiden.
 
Man muss jedoch zwischen exzentrischem und besorgniserregendem Verhalten unterscheiden. Viele Menschen, die sich zu ihren Marotten und Phobien bekennen, haben an die US-Redaktion von Reader’s Digest geschrieben. Um ihnen zu helfen, wurden die Briefe an Experten weitergeleitet. Sie erläutern hier, welche Verhaltensweisen nur exzentrisch sind – und bei welchen es ratsam erscheint, sich professionelle Hilfe zu holen.
 
„Ich habe Angst vorm Fliegen, das heißt, ich ertrage es nicht, im Flugzeug eingesperrt zu sein. Wenn die Türen sich nicht unmittelbar nach der Landung öffnen, bricht mir der Schweiß aus, ich bekomme Herzrasen, und ich würde am liebsten schreien. Ist das Reisen solchen Stress wert? Was kann ich tun?“
 
Ihre Angst rührt daher, dass Sie die Situation nicht kontrollieren können, erklärt Tom Bunn, Therapeut und Initiator eines Programms gegen Flugangst. „Die Sicherungssysteme in einem Flugzeug machen das Fliegen sicherer als Autofahren“, sagt er. „Da sich diese Systeme im Cockpit befinden, sind sie für den Passagier weniger real als ein Lenkrad.“ Die fehlende Kontrolle bringt Sie in Panik, und Sie verspüren das dringende Bedürfnis, schreiend davonzulaufen. Aber dieser Ausweg ist Ihnen versperrt. „Und das verursacht das Gefühl der Klaustrophobie“, erläutert Bunn. Besser als Medikamente hilft kognitives Verhaltenstraining in einem Flugsimulator. Dabei sollte Sie ein Therapeut begleiten.
 
„Ich spreche über mich in der dritten Person – als ob ein Teil von mir mich beobachten würde; etwa: ‚Jetzt geht sie aus dem Haus.‘ Ich tue das nicht immer und nicht laut, sondern nur im Kopf. Das ist bei mir nichts Neues, aber in letzter Zeit ist es mir öfter aufgefallen. Bin ich verrückt?
 
Sie befinden sich in illustrer Gesellschaft. Charles de Gaulle, der US-amerikanische Politiker Bob Dole und der Rapper Flavor Flav haben alle in der dritten Person von sich gesprochen – und zwar laut. Warum? Der New Yorker Psychologe Nando Pelusi sagt, Szenarien im Kopf durchzuspielen sei eine Art zu lernen. Die meisten Menschen tun dies visuell: Wir stellen uns bildlich vor, wie wir in einem neuen Job agieren oder wie wir uns mit jemandem unterhalten, den wir beeindrucken wollen. Bei Ihnen läuft dieser Prozess verbal ab. „Wenn Sie auf diese Weise die Erfahrung machen, wie etwas sein könnte und welche Auswirkungen zu erwarten wären“, erklärt Pelusi, „ist das eine Lernmethode.“
 
Macht Sie Ihr Verhalten dennoch fuchsteufelswild? Dann sagen Sie sich ab jetzt einfach: Sie hat sich den Rat von Fachleuten eingeholt, und die haben geantwortet, sie sei ganz normal.
 
„Ich bin Mutter zweier Kinder. Zu meinem großen Bedauern habe ich meinen Sohn immer der Tochter vorgezogen – schon seit sie klein waren. Jetzt sind sie Teenager, und ich bin sicher, sie wissen es. Ist das normal?
 
Es ist nicht ungewöhnlich, wenn ein Elternteil ein Kind bevorzugt, sagt Dr. Susan Bartell, Psychologin im US-Bundesstaat New York. Es passiert häufiger, dass Vater oder Mutter eine Zeit lang ein Kind vorziehen, dann ein anderes. „Dass ein und dasselbe Kind dauerhaft vorgezogen wird, ist nicht so verbreitet, aber es kommt vor, besonders wenn man ein sehr schwieriges Kind hat“, erklärt sie.
 
Bartell ist Expertin für die Beziehungen zwischen Müttern und Töchtern. Sie fügt hinzu: „Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter ist komplizierter als alle anderen Beziehungen – selbst als die Ehe. Mütter projizieren ihre eigenen Wünsche auf die Töchter und bürden dieser Beziehung alle Komplikationen auf, die sie mit ihrer eigenen Mutter erlebt haben.“
Ihre beiden Kinder wissen wahrscheinlich seit Langem, dass Sie Ihren Sohn bevorzugen. Es wird Ihr Verhältnis zu den Kindern und auch das Verhältnis der beiden untereinander beeinträchtigen. „Sie sollten professionelle Hilfe in Anspruch nehmen, sonst wird sich die Situation zusehends verschlimmern“, sagt Bartell.
 
„Seit viele meiner Kollegen entlassen wurden, muss ich mehr arbeiten und bin mehr belastet. Wenn ich nach Hause komme, möchte ich nur noch fernsehen. Meine Frau meint, ich sollte mich an einen Psychologen wenden, aber ich sage ihr dann, dass ich nur wieder etwas Energie tanken muss. Wer hat Recht?
 
Wir müssen Ihrer Frau beipflichten. Männer neigen dazu, Probleme zu ignorieren und Hilfe abzulehnen, sodass sie leichter depressiv werden: Reizbarkeit, Arbeitswut, risikoreiches Verhalten können die Folgen sein – oder Rückzug. Was dazu führt, dass Sie Ihre Freizeit mit Ihrem besten Freund, dem Fernseher, verbringen.
 
Andererseits könnten Sie natürlich auch nur gestresst sein; aber auch dann tun Sie das Falsche. Einige Studien weisen nämlich darauf hin, dass zu viel Fernsehen sowohl zur Stimmungsverschlechterung als auch zu vermehrtem Stress beiträgt. Sehen Sie sich ruhig eine oder zwei Sendungen an, die Sie mögen. Dann aber, so Dr. Beverly E. Thorn, Psychologieprofessorin an der Universität von Alabama, sollten Sie lieber Ihrer Frau Gesellschaft leisten. „Ein halbstündiger gemeinsamer Spaziergang am Abend täte Ihnen, Ihrer körperlichen Verfassung und dem Verhältnis zu Ihrer Frau gut“, sagt sie.
 
„Jeder behauptet, er könne sich keine Namen merken. Ich kann es wirklich nicht, und an Gesichter kann ich mich auch nicht erinnern. Vor Kurzem habe ich einen neu zugezogenen Nachbarn auf dem Markt nicht erkannt. Was stimmt nicht mit mir?
 
Wahrscheinlich ist alles in Ordnung, sagt der Neuropsychologe Dr. Joel Kramer aus San Francisco. Jeder Mensch hat seine Stärken und Schwächen. Und manche können sich eben keine Namen und Gesichter merken.
 
Es kann jedoch sein, dass Sie an der sogenannten Prosopagnosie leiden, der Unfähigkeit, sich Gesichter zu merken. Bei dieser Krankheit haben Menschen Probleme, Familienmitglieder oder Freunde zu erkennen. Sie finden es manchmal schwierig, der Handlung eines Films zu folgen, weil sie sich die einzelnen Personen nicht merken können. Hirnschädigungen, die von einem Schlaganfall, einem Schädeltrauma oder einer degenerativen Erkrankung herrühren, können eine Prosopagnosie auslösen.
Wenn es sich bei Ihnen um ein neues Symptom handelt, das sich zunehmend verstärkt, sollten Sie vorsichtshalber einen Arzt aufsuchen. Ansonsten ist dies wohl einfach eine liebenswerte kleine Macke, die – zugegebenermaßen – Ihrem Nachbarn möglicherweise nicht so liebenswert erscheint.
 
„Die Stimme mancher Leute treibt mich in den Wahnsinn. Liegt es an der Weinerlichkeit, mit der sie sprechen, an ihrer Intonation oder an der Art, wie sie alles zur Frage modulieren? Es irritiert mich derart, dass ich mich nicht auf das Gesagte konzentrieren kann. Bin ich normal?
 
Ja, befinden die Experten. „Da heute viele laut in ihr Handy sprechen, hört man oft unangenehme Stimmen“, sagt Psychologin Bartell. „Diese Menschen sind sich dessen nicht bewusst.“
 
Ein New Yorker Professor nannte 1993 die Angewohnheit, am Satzende wie bei einer Frage die Stimme zu heben, „Uptalk“ und wollte damit die linguistischen Gepflogenheiten kalifornischer Teenager der 80er-Jahre beschreiben. Manche Experten meinen, dass diese Satzmelodie eine informelle Freundlichkeit vermittle, andere sagen, sie signalisiere Zurückhaltung.
 
Was ist diesen Leuten gemein? Die Tatsache, dass man sie nicht stumm schalten kann. Vielleicht hilft es, wenn man versucht, sich auf den Inhalt des Gesagten zu konzentrieren statt auf die irritierende Art der Übermittlung.
 
„Ich habe ein erfülltes Leben und bin eigentlich ganz glücklich. Aber jeden Tag denke ich an ein Ereignis aus der Vergangenheit, bei dem ich mich falsch verhalten habe. In Gedanken spreche ich mit zwei Bekannten, die ich nicht mehr treffe. Warum habe ich noch immer Reuegefühle?
 
Sie sind „eigentlich ganz glücklich“, verbringen aber trotzdem das halbe Leben mit Gedanken an eine Vergangenheit, mit der Sie nicht abgeschlossen haben. Die meisten von uns schaudern, wenn sie sich an bestimmte Situationen erinnern … aber jeden Tag? Unsere Vermutung ist, dass Sie beim Betrachten Ihres Lebensfilms das romantische Geflüster und die komischen Momente schnell vorspulen und nur bei den schmerzlichen Augenblicken anhalten. Damit geben Sie diesen Begebenheiten zu viel Bedeutung.
 
In welcher Weise man an seine Vergangenheit denkt, lässt sich beeinflussen, sagt Sally Theran, Professorin für Psychologie. Eine Möglichkeit, dies zu tun, ist, „sich in Gedanken dem Gefühl von Scham oder Peinlichkeit lange genug auszusetzen, um es anwachsen und dann auf ein normales Niveau absinken zu lassen“, rät sie. „Wenn Sie Ihre Erinnerungen verdrängen, behalten sie ihre Macht. Niemand ist perfekt, und jeder tut manchmal dumme oder peinliche Dinge.“
Und wahrscheinlich haben Ihre Bekannten das längst vergessen. „Im Allgemeinen haben wir selbst ein besseres Gedächtnis für solche Dinge als andere“, sagt Theran.
 
„Ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich mir einzelne Haare aus den Armen zupfe. Sogar Freunde haben mich neulich während einer Unterhaltung darauf hingewiesen. Ist das nur Langeweile, oder steckt etwas anderes dahinter?
 
Dieses Verhalten nennt man Trichotillomanie. „Menschen, die davon betroffen sind, reißen sich meist Kopfhaare aus, sodass kahle Stellen entstehen“, sagt Dr. Christopher Peterson von der Universität Michigan. Manche Menschen tun es unbewusst, andere nehmen eine Pinzette dazu. Sie lösen damit Spannungen oder machen es automatisch, „wie beim Fingernägelkauen“, so Dr. Peterson. Die gute Nachricht: Man kann dieses Verhalten behandeln. Sie sollten einen kognitiven Verhaltenstherapeuten konsultieren und sich nach Antidepressiva erkundigen, die auch bei Angstzuständen helfen.
Peterson weiter: „Wenn Sie die kahlen Stellen an den Armen nicht stören, müssen Sie sich nicht sorgen.“ Doch behalten Sie Ihre Freunde im Blick. Wenn Sie gemeinsam ausgehen, schätzen die es vermutlich nicht sehr, wenn sie Haare im Dessert finden.
 
„Ich musste vor Kurzem eine Rede vor etwa hundert Zuhörern halten. Wochenlang graute mir davor, und als es so weit war, wäre ich vor Angst fast ohnmächtig geworden. Ich dachte, ich würde jeden Augenblick umkippen. Was ist mit mir nicht in Ordnung?
 
Wussten Sie, dass der berühmte Finanzinvestor Warren Buffett früher panische Angst davor hatte, in der Öffentlichkeit zu reden? Heute erklärt Buffett seinen Anhängern, dass es äußerst wichtig sei, sich in der freien Rede zu üben.
 
Für viele Menschen ist das der absolute Horror. Dr. Nancy Cetlin, Psychologin in Boston, USA, sagt, dass Sprechen in der Öffentlichkeit eine weit verbreitete soziale Phobie ist. „Wer darunter leidet, fürchtet das Reden mehr als den Tod!“
Hier einige Tipps für den Fall, dass Sie am Rednerpult tausend Tode sterben. Meistens merkt es Ihnen niemand an, welche Ängste Sie ausstehen. Ein guter Trick besteht darin, gezielt ein oder zwei freundliche Gesichter in der Menge anzusehen, sagt Psychologieprofessorin Sally Theran. Tiefes Durch­atmen kann ebenso hilfreich sein wie das Betrachten einer Videoaufnahme, um sich zu überzeugen, dass alles ordentlich ablief.
 
Von Übungskursen bis zum Neurofeedback gibt es zahlreiche weitere Möglichkeiten. Alternativ könnten Sie Videokonferenzen vorschlagen – natürlich nur zur Kostenersparnis!

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2 Kommentare

DSr. Walter Krumholz on 30 September 2010 ,17:19

Immer hatte ich gehofft, daß moderne technische Mittel den Zugang zur rechten Information verbreitet und erleichtert,. Das ist bei weitem nicht der Fall. Immer neue Entsicklung und Methoden erfordern so viel Lernaufwand, wenn man auf dem Laufenden bleiben will, dass man zum echten Informationsgenuss keine Zeit mehr hat.

Dr. Walter Krumholzr on 30 September 2010 ,17:10

Wer den Werbeschwerpunkt auf die neuesten Medien legt, schließt die überwiegende Mehrheit alter Menschen vom Fortschritt aus.

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